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Reflektionen zu Neujahr aus Gaza- ein Ausblick wider die Gleichgültigkeit

Der große italienische Denker und Marxist Antonio Gramsci schrieb einmal aus kritischer Perspektive über die Gründe die ihn davon abhalten das neue Jahr zu feiern. Er schrieb ebenso eloquent über den Pessimismus des Intellekts wie über den Optimismus derjenigen, denen es gut geht. Dies sind die beiden leitenden Ideen hinter diesen Reflektionen zum Neujahrstag.

In den weisen und vielfach zitierten Worten des südafrikanischen Erzbischofs und Nobelpreisträgers Desmund Tuto:

„Wenn du angesichts einer Unrechtssituation neutral bleibst, hast du die Seite des Unterdrückers gewählt.“

Nun, während die IOF dicht besiedelte Wohnviertel von Gaza in drei aufeinanderfolgenden Massakern bombardierten, denen die dümmlichen Militärs von Apartheid-Israel ihre grotesken Namen gaben und während sich dieses Abschlachten von Zivilist*innen am östlichen Grenzzaun Gazas fortsetzt, sind die UN, die EU, die Arabische Liga und die internationale Gemeinschaft im großen und ganzen stumm geblieben. Trotz aller Grausamkeiten die von schießwütigen israelischen Soldaten begangen wurden.

Wir müssen daher wohl zu der Schlussfolgerung kommen, dass sie auf der Seite Israels sind. Tausende von Leichen von Kindern und Frauen haben sie nicht dazu bewegen können zu intervenieren.



Der Fotojournalist Yasser Murtaja mit Bisan. Er wurde im April 2019 von einem israelischen Scharfschützen getötet.

Wir wissen aber auch, dass es dieselbe internationale Gemeinschaft ist, die für mehr als 30 Jahre still blieb als das unmenschliche Apartheidssystem schwarze Südafrikaner abschlachtete!


Uns bleibt daher nur eine Option, eine Option, die nicht auf die nächste Konferenz des UN-Sicherheitsrates oder Gipfeltreffen arabischer oder muslimischer Staaten wartet. Ich rede über die Option, die allen einfachen Menschen offensteht und die wir bereits häufig eingefordert haben. Diese zivile Macht ist die einzig verbleibende, die in der Lage ist, etwas zu ändern an dem massiven Machtungleichgewicht zwischen einer atombewaffneten Siedlerkolonie mit genozidalen Tendenzen auf der einen und einer kolonialisierten, ursprünglichen Bevölkerung auf der anderen Seite.

Der Horror des rassistischen Apartheidregimes in Südafrika wurde durch eine nachhaltige Kampagne aus Boykott, Kapitalentzug und Sanktionen (BDS) herausgefordert, die 1958 initiiert und 1960 nach dem Sharpeville Massaker und in den mittleren 1970er Jahren nach dem Soweto-Aufstand intensiviert wurde.

Ein militärisches Embargo wurde über das Apartheidsregime verhängt, um das große Machtungleichgewicht zugunsten der Rassisten abzuschwächen und die unterdrückten Schwarzen in Südafrika zu unterstützen. Diese Kampagne führte schließlich 1994 zum Kollaps der Herrschaft der Weißen und ihrer Bantustan-Staaten. Daraus ging ein multi-ethnischer, demokratischer Staat hervor- ein Staat für ALLE seine Bürger*innen unabhängig von Rasse, Religion oder Geschlecht.

Auf ähnliche Weise ist es dem palästinensischen BDS-Aufruf gelungen seit seiner Begründung 2005 an Schwung zu gewinnen. Die Gaza-Massaker 2009, 2012,2014 und 2018 können genauso wenig ignoriert werden wie einst das Sharpeville-Massaker 1960: diese erfordern eine politische Antwort von all jenen, die an die gemeinsame Menschlichkeit glauben.

Jetzt ist es an der Zeit den Apartheidsstaat Israel zu boykottieren, Kapital aus diesem Staat abzuziehen und Sanktionen gegen ihn durch zu setzen. Wenn die USA und Europa weiterhin Waffen liefern, wird Israel nicht nur mehr Zivilisten töten (und dann behaupten es handele sich um Terroristen), sondern wird auch dafür sorgen, dass die arabische Welt von Despoten regiert wird, die zum eigenen Überleben auf Israel angewiesen sind.

Der mutige, australische Journalist John Pilger formulierte es folgendermaßen: „Was in Gaza passiert ist der Weckruf unserer Zeit. Entweder wir unterstützen die Straflosigkeit von Kriegsverbrechern mittels der Immunität, die unser Schweigen bietet und verdrehen unser Denken und und unsere Moral entsprechend, oder dieser Aufwachmoment verleiht uns die Kraft unsere Stimme zu erheben.“

Eine Kombination aus Massenmobilisierung vor Ort und internationaler Solidarität ist der Weg vorwärts.

Das ist der Geist, den mensch jeden Freitag am östlichen Zaun des Gaza-Lagers verspüren kann wo tausende Gazawis für ihr UN-gesichertes Recht auf Rückkehr demonstrieren. Unsere Bewegung ist Teil einer globalen Widerstandsbewegung gegen religiöse Ausschließlichkeit, gegen Xenophobie und gegen die tribalistische Weltsicht der aufsteigenden Rechtsaußen in den USA und Israel.

Die letzten BDS-Erfolge belegen, dass die Zeiten sich geändert haben, dass der Wind sich dreht und dass die Geschichte auch in unserem Fall ihr Wort sprechen wird- wie zuvor in Südamerika, Nordirlandund Südafrika. Der Preis dafür jedoch ist hoch: es ist das Blut, dass an Gazas Grenzzaun verschüttet wird, das von Razan Najjar, Yasser Murtaja und Ahmed Udaini und das aller anderen Märtyrer*innen Palästinas.



Haidar Eid ist Assistenz-Professor am „Department of English Literature“

der Al-Aqsa Universität im Gazastreifen. Der Artikel erschien ursprünglich auf Englisch bei PalestineChronicle.com und ist erreichbar unter diesem Link: http://www.palestinechronicle.com/new-year-reflections-from-gaza/

Übersetzung: Christoph Glanz.

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© 2018 by BDS Initiative Oldenburg. Danke für die Anregung durch die Werkstatt und Danke an die Designgöttin.