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Den Kampf für das gute Leben aller annehmen: So löppt dat.

Eine Gedenkrede zu Ehren des von SA-Horden ermordeten Kommunisten Jan Gerdes. Er wurde am 3. März 1933 aus seinem Haus gelockt, zusammengeschlagen und schließlich vom Kommandenten der Mördertruppe tödlich durch Schüsse verletzt.

Der KPD-Landtagsabgeordnete war damit das erste Opfer der Nazifaschist*innen. Der Trauerzug zu seinen Ehren war mit 800 Teilnehmer*innen im März 1933 die letzte antifaschistische Widerstandstandshandlung in Oldenburg.

Wie jedes Jahr versammelten sich rund um den Jahrestag des politischen Mordes auf Einladung der VVN-BdA Oldenburg/Ostfriesland (Bund der Antifaschist*innen) eine kleine Gruppe von Menschen unterschiedlicher linker Herkünfte sowie erfreulicherweise auch einige Anwohner*innen und gesellschaftlich Interessierte rund um den auf Anregung des Internationalen Fluchtmuseums e.V. vor einigen Jahren verlegten Stolpersteins.


Die Drei Anticapitalistas musizierten zu seinen Ehren, seine Biographie wurde referiert. Nach einer Schweigeminute wurden außerdem einige Reden gehalten, die den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart schlugen. Es folgt das Redemanuskript eines Aktivisten der BDS-Initiative Oldenburg:



Der internationale und internationalistische Blick:

  • Schüsse auf Flüchtlinge, die an der griechisch-türkischen Grenzen wie Sondermüll hin- und hergeschoben und beschossen werden. Abgesegnet von einer EU-Kommissarin namens Flinten-Uschi.

  • Die Besatzung Nordsyriens durch die Türkei, die Vertreibung der dortigen kurdischen Bevölkerungsmehrheit. Die Bombardierung auch der hunderttausenden Bewohner*innen und Geflüchteter in Idlib durch russische und assadistische Truppen.

  • Die schmierigen Deals zwischen den verschiedenen regionalen und globalen Großmächten, nicht zuletzt der USA- mit steter Regelmäßigkeit auf dem Rücken der Zivilist*innen ausgetragen.

  • Trumps Verschachern palästinensischer Menschenrechte in Form einer Bantustan-artigen Zersplitterung ihrer Heimat- über ihren Kopf hinweg.

Und nur scheinbar und oberflächlich gesehen weniger dramatisch: die Feststellung der UN in einer aktuellen Umfrage, dass heute immer noch 9 von 10 Menschen weltweit massive Vorurteile gegenüber Frauen hegen. Diese manifestieren sich z.B. darin, dass Mädchen und Frauen keine höhere Bildung zugetraut wird oder ein Viertel der Weltbevölkerung Gewalt von Männern gegen “ihre” Frauen legitimiert. Und auch diese erschreckenden Zahlen sind nur die Spitze des Eisberges- denn Frauenfeindlichkeit wirkt sich aus in der Form von Abtreibungen von weiblichen Föten, Zwangsehen, Objektivierung des weiblichen Körpers zu macho-kapitalistischen Zwecken steht.


Es wäre meines Erachtens sehr leicht gewesen, mit einem Gesprächspartner Jan Gerdes einverstanden zu sein, dass die globale Lage düster ist. Und zu diesem Zeitpunkt hätte ich ihm gegenüber dann beispielsweise die systematische Zerstörung unserer ökologischen Lebensgrundlagen noch nicht einmal erwähnt.


Wir können das Gespräch mit Jan Gerdes nicht mehr führen, denn er wurde vor 87 Jahren hier, an diesem Ort, von Nazifaschisten überfallen und ermordet.


Ich hätte mich gerne mit einem Jan Gerdes unterhalten. Und ich hätte gerne mit ihm gestritten. Nach Zeitzeugenberichten soll er ein Mensch gewesen sein, der dazu sehr wohl in der Lage war- und wohl auch dazu, danach gemeinsam ein Bier tanken zu gehen. Das sind Fähigkeiten, die wir nicht gering achten sollten in Zeiten der Zersplitterung.


Meine Vermutung ist, dass ein zeitreisender Jan Gerdes mit Blick auf das Jahr 2020 in seiner Stadt Oldenburg, dann im Gespräch aber auch ziemlich schnell die Frage aufgebracht hätte:

“Und? Wie steht es in Deutschland? Heute? Was geht hier konkret ab?”




Die Drei Anticapitalistas am Gedenkstein Jan Gerdes´.


Lieber Jan Gerdes, das sieht ungefähr so aus:


  • Faschistische Unterwanderung von Polizei, Verfassungsschutz und Spezialkräften

  • Bildung rechtsradikaler gewaltbereiter Banden

  • rassistische Morde an Menschen, die als “anders” und damit “nicht lebenswert” markiert werden- und weitgehende Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft diesen gegenüber

  • ein sich bürgerlich gebender Faschistenblock namens AfD, der hetzt und aufpeitscht, mit teilweise einem Viertel der Wählerstimmen in die Parlamente einzieht- und dabei weitgehend ratlose und rückgratlose “Volksparteien” vor sich hertreibt

Aber, würde ich dann fortsetzen, vielleicht ist trotzdem alles gar nicht ganz so schlimm. Denn, Zitat der politischen Analyse eines heutigen Zeitgenossen:


“.... Anders als in der Weimarer Republik der frühen 1930er Jahre- und die Lage Deutschlands im Jahre 2020 wird ja von manchen mit diesem Zeitraum verglichen- gibt es in Deutschland heute starke Machtfaktoren, Bollwerke des Widerstands, antifaschistische Zentren, große Gewerkschaften und weiterhin das Hochhalten demokratischer Werte und der Menschenrechte durch einen Großteil der Bevölkerung- und all dies verunmöglicht kombiniert den weiteren Durchmarsch neo-faschistischer Elemente in dieser Gesellschaft und somit eine Wiederholung einer Machtergreifung wie der von 1933.”


Alles also nicht ganz so schlimm, oder?

Kleiner Fehler: das obige Zitat ist ausgedacht.

Und auch das stimmt nicht ganz.

Es lehnt sich an ein faktisches Zitat an. Dieses stammt aus dem Buch “Kommt >Das Dritte Reich<?” der Autoren Walter Oehme und Kurt Caro. In ihrer Studie geben die Verfasser eine umfassende politische Analyse der Nazi-Bewegung- ihrer Führer, ihres Rassismus, ihrer Lügen, ihrer Gewalt.

Und sie kommen zusammenfassend -und trotz aller eben auch schon damals vorliegenden Erkenntnisse- zum Schluss:

Der Wille zur Eroberung der Macht durch die Nationalsozialisten ist immer noch vorhanden. Aber, Zitat:


“Anders als im Italien des Jahres 1922 -die augenblickliche Situation Deutschlands wird ja von manchen mit jenen Verhältnissen verglichen, die dort vor Mussolinis berühmten Marsch auf Rom herrschten --- gibt es in Deutschland starke Machtfaktoren, Bollwerke des Widerstandes, antifaschistische Stützpunkte -wir haben Gewerkschaften und andere abwehrbereite Organisationen - die den hemmungslosen Sturmlauf der Nationalsozialisten unmöglich machen.”


Diese Worte stammen aus dem Jahr 1930. Zweieinhalb Jahre vor der Machtergreifung der Nazifaschisten und der Ermordung Jan Gerdes.


Wir wissen heute wie fatal diese Fehleinschätzung war.


Nach dem Zweiten Weltkrieg….

  • nach der industriellen Vernichtung des europäischen Judentums in der Schoah

  • nach dem Völkermord an den Roma

  • nach der brutalen Verwüstung großer Teile Europas

  • nach der Ermordung hunderttausender Antifaschist*innen, Kommunist*innen und Partisan*innen

  • nach dem Krepierenlassen Millionen sowjetischer Kriegsgefangener

  • und den Bombenhageln dann schließlich auch auf deutsche Großstädte….

können wir nur kopfschüttelnd vor einer derartigen Fehleinschätzung der politischen Lage stehen.



Wie konnten die damaligen Zeitgenoss*innen dermaßen naiv und verblendet sein? Wie konnten sie ernsthaft glauben, der Rassenwahn der Nazis ginge sie nichts an, weil sie ja keiner der Gruppen im Fadenkreuz angehörten? Wie konnten sie glauben, es werde schon alles nicht so schlimm werden-obwohl es alles am helllichten Tage von den Naziführern in Schrift und gesprochenem Wort und vor allen Dingen in Taten angekündigt wurde?


Wisst ihr, wen ich vergessen habe?


Jan Gerdes. Der zeitreisende Untote steht vor mir und schüttelt den Kopf:


“Nach allem was du mir über Oldenburg, Deutschland und die Welt im Jahre 2020 erzählt hast, frag ich mich ja:

Wie könnt ihr als Zeitgenoss*innen dermaßen verblendet und naiv sein? Wie könnt ihr glauben, dass die rassistische Gewalt gegen migrantische Deutsche, gegen Muslime und Muslima, gegen Jüdinnen und Juden, gegen People of Color nicht auch eure Sache ist? Warum ignoriert ihr den latenten und faktischen Rassismus und Sexismus in euren eigenen Reihen?
Woher nehmt ihr die Hoffnung, dass alles schon nicht so schlimm werde- obwohl die Faschist*innen glasklar ankündigen, was sie vorhaben?
Und wie glaubt ihr diese Faschist*innen des Jahres 2020 effektiv bekämpfen zu können ohne alle vorhandenen demokratischen und menschenfreundlichen Kräfte zu bündeln?
Wo macht ihr euer Angebot für eine gerechtere Welt, für eine Welt, die wirklich allen Menschen das gute Leben bietet sichtbar- und warum ist es euch egal, dass ihr bisher die großen Menschenmengen damit nicht erreicht?”
“Nee, nee”, sacht der olle Gerdes. “so löppt dat nit.”

Und geht kopfschüttelnd seiner Wege.

Und hinterlässt uns seine Fragen und seine Perspektive.


Lieber Jan.

Wir werden nicht aufhören zu kämpfen. Für das gute Leben für alle.

Wir werden mutig sein müssen und wir werden klar sein müssen.

Wir werden Bündnisse schmieden mit allen Menschen, mit denen wir einig sind. Und: Wir werden Bündnisse schmieden mit allen, mit denen gepflegter Streit möglich ist!

Und wir werden rote Linien gegenüber allen ziehen, die Menschenfeindlichkeit betreiben- egal in welcher Form diese Menschenfeindlichkeit auch daherkommt.

Wir werden lernen verständlicher zu sprechen, um mehr Menschen jenseits unserer individuellen Echokammern zu erreichen.


Wir hören die Stimmen derer, die die Geschichte überrollt hat, insbesondere die der Opfer des deutschen Faschismus.

Und wir hören die Stimmen der Opfer aus Hanau, aus Halle, aus Idlib, aus Nordsyrien/Rojava, aus Gaza. Und wir geloben für sie einzustehen in diesem Kampf und ihren Stimmen Raum, Bühne und Zeit zu geben, auf dass sie für sich selber sprechen können. Wir schließen uns ihrem Kampf an.


In diesem Sinne: Jan! Geh zur Ruh. Du hast deinen Kampf in deiner Zeit gekämpft und du hast dabei Rückgrat bewiesen. Nun ist es an uns, unseren Kampf in unserer Zeit zu kämpfen. Und: Rückgrat zu beweisen. Alerta!


Trauerzug zu Ehren Jan Gerdes und letzte antifaschistische Demonstration Oldenburg. Nadorster Straße, Oldenburg, März 1933



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© 2018 by BDS Initiative Oldenburg. Danke für die Anregung durch die Werkstatt und Danke an die Designgöttin.